Sie

 

Wenn sie Zug fährt, setzt sie sich immer entgegen der Fahrtrichtung. Sie blickt den Dingen gerne hinterher. Manchmal weint sie im Zug, weil dazwischen sein so schwierig für sie ist. Und nirgendwo sonst ist man doch mehr dazwischen als in einem Zug. Vielleicht noch in einem Flugzeug, aber ein Flugzeug bringt einen für gewöhnlich weiter weg. An einen Ort der Sehnsucht und das ist doch schon wieder etwas Schönes. Aber dazwischen sein, nein?das mag sie nicht und dabei ist es das, was ihr Leben schon immer bestimmt. Das Dazwischen-Kind. Die Dazwischen-Freundin. Die Dazwischen-Geliebte. Macht sie ja selber so. Kann sie sich ja nicht beschweren. Entscheidungen treffen. Stellung beziehen. Sich selbst behaupten. Nach vorne stellen oder zurückziehen. Schwierig ist das alles für sie. Und dann passiert es ihr, dass die Menschen sie falsch sehen, sie übersehen, sie versehen. Nicht alle, aber die Kurzsichtigen, die sich Brillen aufsetzen und nicht ablegen.

 

Sie weint. Ja. Wenn sie traurig ist, weint sie. Dann tobt sie auch mal. Manchmal geht sie noch einige Schritte weiter. Aber niemals verletzt sie andere. Niemals würde sie jemanden so sehr beleidigen, dass er Wunden davon tragen würde. Niemals belügt sie die Menschen, die sie liebt.
Und wenn es ihr passiert, weil sie sie sich selbst nicht mehr zu helfen weiß, dann bereut sie. Dann leidet sie Qualen und dann hasst sie sich selbst am allermeisten. Und niemals wieder begeht sie solch einen Fehler. Sie ist feinfühlig. Wie ein Barometer misst sie die Emotionen anderer an ihren Stimmen und an ihren Worten, an ihren Blicken und an ihrem Handeln. Sie interpretiert, sie analysiert, sie vergisst nichts. Das macht sie verletzbar. Aber es macht sie auch verständnisvoll und einfühlsam.

 

Sie will geliebt werden. Ihr Herz scheint manchmal unendlich groß zu sein und alle Liebe, die dieses Herz verlässt, hinterlässt einen leeren Raum. Raum, der gefüllt werden möchte mit Gegenliebe. Nur wenige Menschen sind in der Lage ebenso viel Liebe zu produzieren. Das hat sie inzwischen vom Leben gelernt. Aber sie hat den Glauben an die Liebe nicht verloren. Sie weigert sich die Menschen nur in ihren Kopf zu lassen. Gedanken zu verschenken ist schön, aber Liebe zu versprühen, das ist das reine Glück. Deshalb verschließt sie sich nicht, geht die Gefahr ein, enttäuscht zu werden und gibt weiterhin ihre Liebe. Diese Liebe ist ehrlich und nahezu bedingungslos. Sie ist größer als ihr Stolz. Sie ermöglicht es ihr zu verzeihen.

 

Sie übertreibt. Sie liebt das Theater, weil sie sich in den Dramen wieder findet. Ihre Welt ist bunt und dann wieder schwarz-weiß. Das ist oft anstrengend. Das wird nicht verstanden von den Menschen, die nicht mit dem Herzen sehen. Aber wenn ihre Welt gerade in dieses helle, weiße Licht gebadet ist und sie sich über die Sonne freuen kann und über das grüne Gras und ihr Lachen sie strahlen lässt, dann färbt sie ab und dann verschenkt sie dieses weiße Licht an alle, die ihr gerade nah sind. Himmelhoch jauchzend wirft sie mit Glück um sich.

 

Sie ist impulsiv. Teller gegen Wände werfen, nein, so was macht sie nicht. Aber seine neueste Schallplatte, ihr Telefon oder wenn es sein muss die komplette Handtasche, das kann passieren. Dieser Sturkopf! Dieses Temperamentbündel! Diese Lebensenergie! Langweilen Sie sich doch mit dem Mauerblümchen von nebenan, wenn es Ihnen hier zu laut ist!

 

Sie schreibt. Sie schreibt ihm endlose Briefe, wenn sie sich verliebt hat. Sie schreibt wütende E-Mails mitten in der Nacht. Sie schreibt sich all ihren Kummer von der Seele und ertränkt mit hundert Word-Dateien voller Selbstmitleid ihren PC. Sie schreibt schöne Wörter in ihren Facebook-Status, um ihnen und sich Aufmerksamkeit zu bescheren. Sie schreibt über sich selbst, um verstanden zu werden.

 

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